„Da geht er dann, dein Traum, normal zu sein“

  • Das mit dem "Normal-sein" scheint irgendwie so eine Sache zu sein.
    Bei Autisten scheint es so zu sein das einige bewusst von sich sagen das sie es zumindest wollten und versuchten (was den meisten scheinbar eher nicht oder schwer gelingt) oder einige von sich sagen das sie diesen Wunsch nie hatten und darum auch nie versuchten, weil keinen Sinn darin gesehen wurde.
    Bei mir ist es auch eher das Zweite.
    Ich frage mich wie das bei den Nicht-autisten ist. Sehen die das auch so? Also das sie das machen WOLLEN und dann damit kein Problem haben, weil sie es halt besser können, oder sehen viele das auch so, das sie das eigentlich nicht wollen, sie es aber für wichtig halten und deswegen einfach tun, damit ihr Leben einfacher, erfolgreicher etc ist?

    Da kommt mir dann eine neue Frage, warum habt ihr die es wollten und versuchten es denn getan? Ich mein was war euer Anreiz?
    Ich selber hab darin nie den Sinn erkannt, zB das mit dem Erfolg. Ich dachte immer das klappt von allein und durch die Taten, den Charakter, aber das scheint ja nicht so zu sein :?
    Als mich wunderte das das nie funktionierte, war mir der Erfolg bei anderen vielleicht auch nicht wichtig genug um weiter darüber nachzudenken.
    Ich fand das was andere so machten und womit sie sich beliebt machen wollten oft dumm, gerade als ich in die Pubertät kam und dann da drin steckte bis ich 18 war, waren andere Jugendliche in dem was sie toll fanden so suspekt und abartig das ich nur dachte, das ich so auf garkeinen Fall sein wollte, nichtmal um Erfolg zu haben.
    Mit Erfolg meinte ich nicht bei jenen die ich eh seltsam fand gemocht zu werden, sondern zB mal einen tollen Job zu bekommen etc.
    Für mich gibt es kein Erfolgserlebnis bei Leuten gemocht zu werden wenn mir diese Leute nichts geben können, daher sah ich das immer als sinnlos.

    Go bad or go home!

  • Da kommt mir dann eine neue Frage, warum habt ihr die es wollten und versuchten es denn getan? Ich mein was war euer Anreiz?

    Ich habe als Kind, aber besonders als Jugendlicher sehr darunter gelitten, nicht so sein zu können wie die anderen. Man ist immer mittendrin aber nie dabei. Ich habe mich oft sehr einsam gefühlt, auch wenn ich nie ein "Rudel" Freunde haben wollte, ein oder zwei Vertraute hätten mir gut getan. Meine Eltern konnten diesen Part leider nicht übernehmen und auch zu meinem Bruder hatte ich immer ein distanziertes Verhältnis.
    Deshalb habe ich oft versucht, mich so wie die Menschen in meiner Umgebung zu verhalten. Allerdings habe ich mich nie wirklich wohl dabei gefühlt, da gibt es einfach Dinge, welche ich einfach nicht kann. Über die Jahre hinweg habe ich mir aber ein großes Repertoire an Verhaltensweisen zugelegt, was mir in vielen Situationen geholfen, aber mich letztendlich auch krank gemacht hat.

  • Die Mädels würden es so lustig finden sich "Safe the Turtles" zuzurufen und meine Tochter versteht einfach nicht was so lustig daran sein soll und findet es schwachsinnig.

    Die klassische Selbstausgrenzung, und da kann man nur sehr begrenzt etwas dran machen - denn in der Tat ist es kein Nachweis hoher intellektueller Reife, sich so zu begrüßen, und ich verstehe sehr gut, dass sie mit so etwas überhaupt nicht klar kommt. Natürlich könnte sie sich verbiegen, aber was dabei längerfristig rauskommt, wird hier ja immer wieder beschrieben.

    Also sind Sprüche wie "du schaffst das schon, irgendwann klappt" nicht angebracht? Oder wie "versuch es"?

    Sie sind dann angebracht, wenn es darum geht, mangelndes Selbstvertrauen zu überwinden. Also sie zu ermuntern, Leistungen, die sie erbringen kann ohne sich zu übernehmen, auch tatsächlich zu erbringen. Wenn es sich auf die Überwindung spezifischer Einschränkungen (ob nun AS- oder sonstwas-bedingt) bezieht, ist es unangemessen - man sagt ja auch einem Rollstuhlfahrer nicht, "das mit dem Laufen wird schon klappen".

    Sie hat regelrecht einen Wutausbruch gehabt warum sie so "blöd" sei und nicht einfach so gelassen mitreden könnte wie die anderen.
    Ich versuchte sie zu bestärken indem ich ihr sagte das sie einfach versuchen soll sich mehr einzubringen, sie meinte die ganze Zeit nur ich würde sie nicht verstehen, ich würde nicht wissen wie es ist sie selbst zu sein...

    Ja, das ist in diesem Alter gerade bei Mädchen das Problem, da ist es besonders wichtig, "dabei" zu sein. Meine hat kurz vor der Diagnose mal zu ihrer Klassenlehrerin verzweifelt gesagt, sie verstünde sich ja selbst nicht, warum sie das nicht hinkriegt. Genau da hat ihr die Diagnose sehr geholfen. Wir konnten ihr einerseits sagen, warum sie es ihr schlicht nicht möglich ist, egal was sie versucht, aber auch welche Schritte sinnvoll sind: z.B. mal Dinge nicht richtigzustellen, obwohl sie es besser weiß. Und einfach zu sagen "kann ich nicht", wobei auch wichtig war, dass die Schule mit im Boot war, Freistellung von der offiziellen Karnevalsparty z.B. war unproblematisch. Letztlich geht es darum, zu akzeptieren, dass man in bestimmter Hinsicht anders ist und diese Kluft niemals wird schließen können. Wie man damit umgeht, hängt natürlich auch vom Naturell ab. Meine Tochter hatte das Selbstbewusstsein, sich nach der Diagnose vor die Klasse zu stellen und ein Referat über Autismus und ihre daraus reultierenden Einschränkungen zu halten. Das, ihre Selbsterkenntnis und nicht zuletzt der alterstypische Reifeprozess der ganzen Klasse haben dazu geführt, dass sie sich inzwischen viel mehr akzeptiert fühlt (wobei sie vorher nach meinem Eindruck ihre Ausgrenzung überschätzt hat, einfach weil sie die Situation überhaupt nicht verstehen konnte). Kommt noch dazu, dass die Ausgrenzung einer 15jährigen für gleichaltrige Jungs und damit für die Hälfte der Klasse natürlich weniger interessant ist als mit 12 - da kommen dann doch irgendwann die Hormone ins Spiel.
    Meine Tochter erlebt gerade offenbar einen ähnlichen Prozess wie ich im gleichen Alter: langsam findet jeder in der Klasse seine Nische, auch seine Position in der Gruppe, Ausgrenzung als Methode, Rangkämpfe auszutragen verliert an Bedeutung, und so kann man auch als Aspie ganz gut überleben, wenn man nicht zu stark eingeschränkt ist und seine Sonderrolle akzeptiert hat. Die Oberstufe gehört rückblickend zu den schönsten Zeiten in meinem Leben, nachdem v.a. die 5./6. Klasse der Horror waren. Deine Tochter muss "einfach nur" durchhalten, wenn sie das schafft (und da darfst Du ihr wieder sagen "das schaffst Du"!!) wird es, wenn sie nicht Pech mit der Klasse hat, in ein bis zwei Jahren quasi von alleine besser, freilich ohne jemals gut im Sinne von "ich bin jetzt wie die anderen" zu werden (wenngleichen ich mit 18 zeitweilig dieser Illusion erlegen bin).

  • Ich habe als Kind, aber besonders als Jugendlicher sehr darunter gelitten, nicht so sein zu können wie die anderen. Man ist immer mittendrin aber nie dabei. Ich habe mich oft sehr einsam gefühlt, auch wenn ich nie ein "Rudel" Freunde haben wollte, ein oder zwei Vertraute hätten mir gut getan. Meine Eltern konnten diesen Part leider nicht übernehmen und auch zu meinem Bruder hatte ich immer ein distanziertes Verhältnis.

    Das klingt für mich sehr einleuchtend wenn man garkeine Freunde hat. Ich frage mich ob es mir auch so ergangen wäre. Als ich in der meisten zeit in der Pubertät war und immer wieder mal Schulen und orte wechselte war ich zum glück selten komplett allein, das war wirklich selten.
    In dem Heim hatte ich allein dadurch das ich mit anderen zusammen lebte Kontakt zu anderen und jünger Kinder fanden mich oft cool, keine ahnung warum, ich war immer nur ich.
    Als ich dann auf die Hauptschule kam war das anders, da war ich der aus dem Heim wo die Irren wohnten und die Bekloppten.
    Hier in Essen auf der Realschule gab es in der Klasse ein anderes behindertes Kind, und nur wegen dem hatte ich auf dieser Schule überhaupt einen Freund.
    Ich weiß nicht warum das so schwer ist, aber es ist schade, das es so schwer ist richtige Freunde zu finden.
    Der Junge war leider kein guter Freund, und die anderen die ich vorher so kennen gelernt habe haben sich auch nie gemeldet bzw ich hab mich auch nicht bei ihnen gemeldet, also blieb da auch nichts. Freunde haben kann sehr ansträngend und frustrierend sein, wenn man jemanden erwischt der ständig fragt warum man sich nicht meldet und er das gefühl hat sich immer melden zu müssen, das hatte ich immer bei Email-freunden die auch irgendwie blöd waren (das war echt viele Jahre bevor ich hier ins Forum kam, beide hab ich über ebay kennengelernt)

    Go bad or go home!

  • Quote from HCS

    ... langsam findet jeder in der Klasse seine Nische, auch seine Position in der Gruppe, Ausgrenzung als Methode, Rangkämpfe auszutragen verliert an Bedeutung, und so kann man auch als Aspie ganz gut überleben, wenn man nicht zu stark eingeschränkt ist und seine Sonderrolle akzeptiert hat. Die Oberstufe gehört rückblickend zu den schönsten Zeiten in meinem Leben, ...

    Das habe ich genauso erlebt, wobei ich es wichtig fand, dass die Klasse für 7 Jahre zusammen geblieben ist und die Menge der Mitschüler sich in den letzten beiden Jahren grade mal um den Faktor 1,8 erhöht hat (und die Mehrheit davon kannte ich schon aus dem Sportunterricht, immerhin).
    Ich habe eben erst nach mehreren Jahren kapiert, wie das Sozialgefüge in genau dieser Klasse funktioniert. Dauernde Wechsel zwischendurch hätten mich wieder auf Null gesetzt.

  • Zum allgemeinen Thema des Threads:

    Ich hatte vor ungefähr sieben Jahren fünf Probesitzungen bei einer Psychotherapeutin die den Begriff "normal" einfach abgelehnt hat. Der Unterschied zwischen "AS-betroffen" und "normal" war mir damals wichtig, während sie sowohl den Begriff "normal" im Gegensatz zu "AS" wie auch mich als Patient und Person abgelehnt hat, das heißt sie hat sich verweigert weiter mit mir zu arbeiten, wegen der Absurdität meines Anliegens (angeblicher Abweichung von der Normalität wegen AS). Inzwischen denke ich mehr wie sie und weniger wie ich damals gedacht habe, indem ich davon ausgehe jetzt dass sie recht hatte und dass es die Normalität gar nicht gibt und dass infolgedessen man von der Normalität nicht abweichen kann (rein logisch).

    Dass meine Beiträge so oft editiert werden hat meistens aber nicht immer damit zu tun dass ich sowohl grammatikalische oder syntaktische wie auch stilistische oder einfache Schreibfehler nicht immer sofort sehe und sie deswegen nachträglich korrigieren muss.

  • In meiner Jugend habe ich Menschen bewundert, die einfach mit jedem reden konnten, auch mit Fremden, und habe mich gefragt, warum ich das nicht kann bzw. warum es mir so schwerfällt, überhaupt mit jemandem ein Gespräch zu beginnen. Ich kann reden, wenn ich muss, aber ich merke bei solchen Unterhaltungen, dass sie künstlich sind (von meiner Seite) und dass ich mich für jedes Wort anstrengen muss, oft auch überwinden. Für mich ist es besonders anstrengend, wenn ich dann auch noch weiß, dass ich eigentlich etwas erzählen muss, weil es erwartet wird. Ich merke diese innere Barriere, es ist ein komisches Gefühl. Und je gestelzter ein Gespräch war, desto schlechter ist mein Gefühl hinterher, und das beschäftigt mich dann noch ewig.
    Es gibt Menschen, die intuitiv spüren, dass sie die Unterhaltung führen müssen. Da fällt mir das Sprechen leichter. Nur von denen gibt es leider zu wenige.
    Das alles hat mich zeitweise sehr beschäftigt, manchmal auch belastet. Aber heute denke ich darüber nicht mehr nach. Das Problem gehört zu meiner Normalität und die akzeptiere ich wie sie ist.
    Manchmal hat man sich nichts zu erzählen, so ist das eben. Ich kann mich nicht anders machen als ich bin und ich habe auch keine Lust mehr, gegen mein Inneres zu kämpfen, nur um normal zu wirken, denn das wird einem auch nicht gedankt. Da bin ich lieber mundfaul, aber authentisch, und ich gehe ohne mieses Gefühl nach Hause und habe Kraft gespart.

  • In meiner Jugend habe ich Menschen bewundert, die einfach mit jedem reden konnten, auch mit Fremden, und habe mich gefragt, warum ich das nicht kann bzw. warum es mir so schwerfällt, überhaupt mit jemandem ein Gespräch zu beginnen. Ich kann reden, wenn ich muss, aber ich merke bei solchen Unterhaltungen, dass sie künstlich sind (von meiner Seite) und dass ich mich für jedes Wort anstrengen muss, oft auch überwinden. Für mich ist es besonders anstrengend, wenn ich dann auch noch weiß, dass ich eigentlich etwas erzählen muss, weil es erwartet wird. Ich merke diese innere Barriere, es ist ein komisches Gefühl. Und je gestelzter ein Gespräch war, desto schlechter ist mein Gefühl hinterher, und das beschäftigt mich dann noch ewig.

    Genau so hat mir das meine Tochter auch erklärt.

  • In meiner Jugend habe ich Menschen bewundert, die einfach mit jedem reden konnten, auch mit Fremden

    Ja, so jemanden kenne ich auch - geht in einer fremden Stadt in irgendeine Kneipe und hat nach zwei kleinen Bieren Kontakt zu 5 Leuten. Ich kriege unter solchen Bedingungen allenfalls Kontakt zu 5 Bieren, die mir von zwei Kellnern gebracht wurden. Ausnahme: die Kneipe ist fast leer, und der mit den demnächst 5 Kontakten kommt rein und textet mangels Alternativen mich zu.

  • Quote from HCS

    geht in einer fremden Stadt in irgendeine Kneipe

    Mein Problem beginnt ja schon da: in einer fremden Stadt käme ich nicht mal auf die Idee, alleine in eine Kneipe zu gehen. Das Bier würde ich dann eher zuhause trinken.

    Das Schlimme ist ja, als ich jünger war und gerade der Pubertät entschlüpft, da dachte ich noch, mit dem Alter kommt die Routine und alles wird einfacher. Aber so ist es ja nicht, es ist schwerer geworden mit dem Alter, weil ich noch öfter nachdenke, weil sich die negativen Erfahrungen mit den Jahren gehäuft haben, weil ich dadurch noch vorsichtiger geworden bin. Und mit den Jahren wird alles auch immer anstrengender, das habe ich neulich erst wieder beim Einkaufen festgestellt.
    Dieser Trend, der sich da abzeichnet, macht mir ein bisschen Angst. Ich möchte nicht wissen, wie das in zehn Jahren sein wird, denn besser wird es garantiert nicht. Es macht auch irgendwie ohnmächtig, dem so hilflos gegenüber zu stehen, weil ich für mich keine Lösung sehe.

  • Ich möchte nicht wissen, wie das in zehn Jahren sein wird, denn besser wird es garantiert nicht.

    Das würde ich nicht so kategorisch sehen. Bei mir verläuft es in Wellen, die stark von der jeweiligen Lebenssituation abhängen. Im Moment sind bei mir die Probleme auch stärker als sonst, aber ich bin optimistisch, dass das auch wieder besser wird. Allerdings gebe ich Dir insofern recht, als ich den Trend auch sehe - so wie mit 18 wird es sicher nicht wieder.

  • Wer eine vom Arzt gefestigte Autismus-Diagnose erhält, wird seine eigene Vergangenheit sehr gut kennen. Insbesondere was stets anders wie andere zu sein betrifft.

    Daher ist es wichtig, die eigene Diagnose, in diesem Fall eine Autismus-Diagnose im laufe der Zeit zu akzeptieren.

    Selbstakzepanz zu lernen, dass man schon immer anders wie andere Menschen war und auch immer bleiben wird.

    Das ist aber kein Grund deswegen in eine Depression fallen zu müssen. Denn man kann auch lernen damit umzugehen, dass man anders ist wie andere Menschen.

    Vor allem kann man auch in Selbsthilfegruppen andere Autisten kennenlernen. Denn unter den Eigenem kann man sich, im Gegensatz, zu nur unter NTs normaler empfinden.

    Und nicht alles an einem hochfunktionalen Autisten muss negativ behaftet sein. Es gibt ab und an auch nette Aspekte.

    Lernt Euch und Euer Anderssein kennen.

  • Quote from HCS

    Bei mir verläuft es in Wellen, die stark von der jeweiligen Lebenssituation abhängen.

    Ich versuche, dem Ganzen möglichst keine allzu große Bedeutung beizumessen. Denn je stärker ich in die Auseinandersetzung gehe, desto bewusster mache ich mir die Probleme und dadurch erhalten sie natürlich „Macht“ und bauen sich vor mir auf.
    Ich kann sie nicht lösen, also bleibt mir nur, sie möglichst „klein“ zu halten und das bedeutet für mich, wenn es sich vermeiden lässt, nicht darüber nachzudenken.

  • War das bei euch ähnlich? Habt ihr euch in eurer Schulzeit ähnlich gefühlt? Falls ja, was hättet ihr euch von euren Eltern gewünscht? Welche art von Unterstützung wäre hilfreich? Wie war euer Selbstwertgefühl mit 12 Jahren? Ich glaube diese müsste ich auch irgendwie stärken.

    Ich habe erst mit 15 Jahren angefangen mich anzupassen, davor habe ich mein eigenes Ding gemacht. Dann aber fing ich an mit meiner Außenseiterrolle unglücklich zu sein, und ich habe mich ziemlich genau so gefühlt wie Deine Tochter. Genauso ambilvalent..... Eigentlich vieles, was die anderen machen doof zu finden, aber auch irgendwie dazu gehören zu wollen. Ich habe dann alle Register gezogen und versucht mich anzupassen, aber richtig dazugehört habe ich nie. Meine Bemühungen haben wahrscheinlich nur heftigeres Mobbing verhindert, (was ja auch schon etwas wert ist.) Aber ich habe einen hohen Preis gezahlt. Denn ich bin über lange Zeit nie ich selbst gewesen.

    Was ich mir von meiner Mutter gewünscht hätte? Sie hat genau das Richtige getan. Mich immer darin bestärkt, ich selber zu sein, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Ich wollte zu dem Zeitpunkt aber nicht auf sie hören, sondern mich anpassen. Umso erschrockener war ich, als sie mir ein paar Jahre später um die Ohren haute, dass sie sich wünschen würde, ich wäre wie Lieschen Müller von nebenan. Trotz aller Anpassungsversuche war ich für meine Mutter dann im Endeffekt doch nicht angepasst genug, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich werde meiner Mutter nicht von meiner Diagnose erzählen. Sie würde es nicht verstehen, oder es würde sie traurig machen. Beides muss nicht sein. Ich habe keinen Groll auf sie. Sie hat ihr Bestes gegeben, und sie war sicher auch oft überfordert mit mir.

    Ich habe meine Diagnose mit 59 Jahren bekommen. Ich bin dabei es zu verarbeiten. Eine sehr frühe Diagnose hätte ich mir auch gar nicht gewünscht, eher eine im frühen Erwachsenenalter, damit ich meine Berufswahl ein bisschen besser an meine Möglichkeiten hätte anpassen können. Ob es mir dann jetzt besser ginge mit meinem Leben? Ich weiß es nicht. Ich habe vieles erreicht und bin trotzdem gleichzeitig an vielem gescheitert. Ob ich glücklicher wäre als NT habe ich mich manchmal gefragt, aber wer weiß das so genau? Es sind auch nicht alle NTs immer nur glücklich. Und ich bin im Grunde mit wenig zufrieden und kann häufig Glück und tiefe Zufriedenheit mit kleinen Dingen empfinden. Aber was ich inzwischen mit Sicherheit weiß ist, dass ich mir nicht wünsche, jemand anderes oder NT zu sein. Ich arbeite daran mich immer mehr selbst zu verstehen zu akzeptieren und zu lieben. Und ich wünsche mir eine tolerante Gesellschft, in der ich meine Diagnose nicht aus Angst vor Ausgrenzung oder beruflichen Nachteilen verschweigen muss. Vielleicht hat Deine Tochter das Glück, dass sie noch erlebt, dass die Menschen mehr über Autismus wissen und Autisten in allen Gesellschaftsbereichen zur Normalität werden.

    Liebe Deine Tochter einfach weiter so wie sie ist. Du machst das sehr gut. Sei bei ihr wenn sie Dich braucht und höre ihr gut zu. Unterstütze sie dabei sich selbst zu verstehen und zu lieben. Halte ihre Ambivalenz den anderen Mädchen gegenüber aus. Versuche ihr in den Momenten, in denen sie dafür offen ist, vorsichtig nahezubringen, welch hohen Preis so eine Anpassung hat, aber erwarte nicht, dass sie jetzt schon selbstbewusst genug ist, ihre eigenen Weg zu gehen. Deine Liebe ist der Schlüssel für das Wachstum ihres Selbstwertgefühls. Du schaffst das! :)

    Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d

  • Ich habe das Buch an diesem Wochenende durchgelesen.
    Es war interessant, aufschlussreich, tröstend aber auch aufwühlend. Ich muss das erst verarbeiten und dann berichte ich ausführlicher.

  • Sie erzählte mir das die Lehrer sie gestern gehäuft einfach drangenommen haben ohne das sie sich gemeldet hat, sie wäre völlig verstummt und wurde nervös. Es scheint sie Überwindung gekostet zu haben schnell zu antworten. Ausserdem würde sie mittlerweile von fast allen wie Luft behandelt werden, sie würde so gerne dazu gehören sagt sie, sie möchte den selben Humor haben wie die anderen und genauso gelassen sein.

    Sie hat regelrecht einen Wutausbruch gehabt warum sie so "blöd" sei und nicht einfach so gelassen mitreden könnte wie die anderen.
    Ich versuchte sie zu bestärken indem ich ihr sagte das sie einfach versuchen soll sich mehr einzubringen, sie meinte die ganze Zeit nur ich würde sie nicht verstehen, ich würde nicht wissen wie es ist sie selbst zu sein...

    Alle meine Ratschläge hat sie einfach verworfen und meinte das ich das einfach nicht verstehen würde. Wenig später fing sie an im Internet zu recherchieren wie sie es schafft ihre Nervosität zu überwinden und selbstbewusster zu sein. Später zeigte sie mir ihre Stichpunkte was sie sich zu dem Thema aufgeschrieben hat.

    Meint ihr also sie könnte es nicht schaffen irgendwann ihre eigenen Tabus zu brechen?
    Wie sollte ich sie am Besten unterstützen? Also sind Sprüche wie "du schaffst das schon, irgendwann klappt" nicht angebracht? Oder wie "versuch es"? Ich lese hier immer von vielen die sagen das sie Sprüche wie "stell dich nicht so an" "das wird" gehasst haben?!

    Sie weiß ja immerhin schon, dass sie ihr Selbstbewusstsein verbessern will. Das heißt doch sie sieht recht klar ihr Problem.

    In genau dem Alter hatte ich genau solche Gedanken: "Ausserdem würde sie mittlerweile von fast allen wie Luft behandelt werden, sie würde so gerne dazu gehören sagt sie, sie möchte den selben Humor haben wie die anderen und genauso gelassen sein. Sie hat regelrecht einen Wutausbruch gehabt warum sie so "blöd" sei und nicht einfach so gelassen mitreden könnte wie die anderen."

    Meine Mutter war der Meinung, die anderen würden mich schon mögen, und es stimmt gar nicht dass die mich nicht mögen. Meine Mutter war aber was sowas angeht, genauso blind wie ich (soziale Feinheiten). Mein Vater verstand es eher, konnte mir aber auch nicht helfen, außer mir zu sagen, dass ich eben ein anderer Mensch bin aber das ok wäre.

    Mit unkonkreten Tipps wie "du schaffst das schon, irgendwann klappt" oder "versuch es" wirst du ihr denke ich nicht so viel helfen, denn man braucht ganz konkrete Handlungsanweisungen, zb sie solle die Leute öfter anlächeln, sie solle grüßen, sie solle mehr von sich zeigen (sagen was sie über etwas denkt und wie sie etwas findet, zb Vorfälle aus dem Schulalltag, Kleidung oä).

    Ich hatte das Problem, ich stand bei oder neben den Leuten, und wusste einfach nicht, wie ich in diesen Kreis hineinkam. Ich dachte dass mich keiner mag. Aber ein bisschen Recht hatte meine Mutter wohl schon, denn es stellte sich heraus: die mögen mich doch. Es kam nämlich im Schullandheim vor, dass ich auch von den beliebteren Mädchen mal angesprochen wurde, und das war für mich wie eine Offenbarung, dass ich doch etwas wert bin und man mich mögen kann. Wahrscheinlich hatte ich Glück, dass in meiner Umgebung sozial kompetente Mädchen waren, die sich um mich kümmern wollten. Aber dazu muss deine Tochter wohl sympathisch rüberkommen, also lächeln, versuchen zu plaudern (auch wenn man die Themen uninteressant findet) und gut von den anderen denken... die Kleidung sollte denke ich auch an die anderen angepasst sein, weil das in dem Alter wichtig für die Sympathie ist denke ich.

    Es braucht vielleicht auch einfach noch Zeit. Man lernt diese Dinge nicht von heute auf morgen. Und ihre Klassenkameradinnen werden auch reifer.

  • Mit unkonkreten Tipps wie "du schaffst das schon, irgendwann klappt" oder "versuch es" wirst du ihr denke ich nicht so viel helfen, denn man braucht ganz konkrete Handlungsanweisungen, zb sie solle die Leute öfter anlächeln, sie solle grüßen, sie solle mehr von sich zeigen (sagen was sie über etwas denkt und wie sie etwas findet, zb Vorfälle aus dem Schulalltag, Kleidung oä).

    Ihr Selbstwertgefühl leidet darunter, dessen ist sie sich selbst bewusst.
    Ich habe ihr öfters gesagt das sie sich einfach versuchen soll etwas gelassener an die Sache ranzugehen, sie solle sich versuchen für die Gespräche zu begeistern und die Themen. Genau da liegt dann das Problem, die Mädels sind jetzt in Gruppen unterwegs, anscheinend hat sie da das Problem nicht richtig mitzukommen. Sie meinte mal das sie nie weiß was sie sagen soll, und wenn sie dann doch mal was sagt wäre es das falsche. Das "dahinplaudern" ist ein Riesen Problem für sie, das beherrscht sie gar nicht. Wenn es um Themen geht die sie interessieren dann schafft sie das aber wenn sie die Themen nicht interessieren dann schweifen ihre Gedanken während den Gesprächen anscheinend ab und sie bekommt fast nichts mehr mit und falls doch, fällt es ihr in solchen Situationen schwer einfach mitzuplaudern.

    Ich habe ihr mal denn Tipp gegeben ihre Meinung nicht zu offen überall rauszulassen, denn das sind dann wieder Sachen wo die Mädels sie ablehnen oder nervig finden. Wie z.b wenn sie die Mädels darauf hinweisen tut das Alufolie nicht umweltfreundlich ist (die Mädels sind anscheinend gerade auf einem Umweltschutz Trip) oder das sie sie nicht andauernd kritisieren soll wie z.b im Kunstunterricht das man dies und jenes besser hätte machen können.

    Wenn sie überall offen ihre Meinung sagen würde, dann würde sie sich erst recht unbeliebt machen 8-)
    Sie findet auch die Frisuren der Mädels schrecklich, da hab ich gesagt sie solle das einfach mal für sich behalten und denn Mädels nicht sofort ins Gesicht sagen.

    Einige der Mädels aus ihrer Klasse kenne ich, ich habe auch nicht das Gefühl als wären sie richtig gemein oder so, sie ziehen gerade nur ihr "Ding" durch. Seit der ersten Klasse hat meine Tochter eine Freundin mit der sie jetzt auch in die Weiterführende Schule gekommen ist, wenn sie mit ihr alleine war, war es ok. Mittlweile hat das Mädchen in der Klasse auch neue Freunde gefunden und es haben sich Gruppen gebildet, da hat meine Tochter Probleme sich anzupassen. Sie würde lieber wie früher nur eine Freundin für sich haben sagt sie.

    Ich denke sie steckt auch durch die Pubertät bedingt in einer Selbstfindungsphase, ich habe mir mittlerweile angewöhnt ihr still zuzuhören wenn sie von sich aus erzählt. Sie ist auch sonst sehr launisch, manchmal kann ich selbst nicht einschätzen wie es ihr gerade geht. Sie teilt sich selten mit und wenn dann eben von einer Minute auf die nächste sehr energisch so das ich auch plötzlich überrumpelt bin.

    Aber danke für die vielen Tipps, die behalte ich mir im Hinterkopf werde versuchen einige davon umzusetzen und sehen was passiert :thumbup:

  • Ich habe ihr öfters gesagt das sie sich einfach versuchen soll etwas gelassener an die Sache ranzugehen, sie solle sich versuchen für die Gespräche zu begeistern und die Themen. Genau da liegt dann das Problem, die Mädels sind jetzt in Gruppen unterwegs, anscheinend hat sie da das Problem nicht richtig mitzukommen. Sie meinte mal das sie nie weiß was sie sagen soll, und wenn sie dann doch mal was sagt wäre es das falsche. Das "dahinplaudern" ist ein Riesen Problem für sie, das beherrscht sie gar nicht. Wenn es um Themen geht die sie interessieren dann schafft sie das aber wenn sie die Themen nicht interessieren dann schweifen ihre Gedanken während den Gesprächen anscheinend ab und sie bekommt fast nichts mehr mit und falls doch, fällt es ihr in solchen Situationen schwer einfach mitzuplaudern.

    Ich habe ihr mal denn Tipp gegeben ihre Meinung nicht zu offen überall rauszulassen, denn das sind dann wieder Sachen wo die Mädels sie ablehnen oder nervig finden. Wie z.b wenn sie die Mädels darauf hinweisen tut das Alufolie nicht umweltfreundlich ist (die Mädels sind anscheinend gerade auf einem Umweltschutz Trip) oder das sie sie nicht andauernd kritisieren soll wie z.b im Kunstunterricht das man dies und jenes besser hätte machen können.

    Wenn sie überall offen ihre Meinung sagen würde, dann würde sie sich erst recht unbeliebt machen
    Sie findet auch die Frisuren der Mädels schrecklich, da hab ich gesagt sie solle das einfach mal für sich behalten und denn Mädels nicht sofort ins Gesicht sagen.

    Ich fand in dem Alter auch vieles doof an den beliebteren Mädchen (damals war es nicht "Safe the Turtles", sondern die Kelly-Family :nerved: ), aber die unbeliebteren Mädchen fand ich auch manchmal innerlich doof, zb konnte ich nichts damit anfangen wenn sie Pferd-sein spielten. Aber ich war viel zu schüchtern um das auszusprechen, also insofern hatte ich dann wohl Glück, schüchtern zu sein... Ja es ist schon ganz gut wenn du deiner Tochter sagst, sie muss nicht alles aussprechen weil es Leute verletzen kann, und weil sie dann weniger gemocht wird, sie solle es pragmatisch sehen, und man muss ja nicht sämtliche Vorlieben anderer Menschen gut finden und kann trotzdem mit ihnen Kontakt haben.
    Das "Plaudern" habe ich auch erst im Laufe der Zeit gelernt, auch im Zuge der Arbeit. Vielleicht braucht man da Kreativität (damit einem schnell was einfällt was zu dem passt, was der andere sagte), und man muss wohl mutig genug sein einfach drauf los zu quasseln, das konnte ich früher auch überhaupt nicht. (Ich weiß gar nicht ob ich es wirklich kann oder mir bloß einbilde. Ich komme mit dem Gesprächspartner dann sehr schnell auf private oder tiefsinnige Gespräche, auch wenn es Fremde sind, auch wenn ich das eigentlich gar nicht so will, das kommt so...)
    Die Zeit damals in dem Alter war schon schwierig, gerade für Mädchen denke ich, ich fand es als endlose Quälerei in der Schule (vorallem Pausen, Freistunden und Schullandheim), und lebte eigentlich nur für die Bücher die ich zuhause las.

  • Sie ist auch sehr schüchtern, zum Glück würde ich schon fast sagen, trotzdem kann sie sich manchmal nicht zügeln wenn sie etwas sieht und lässt es kurz und knapp raus, was ja nicht überall sein muss, aber zum Glück ist sie in der Hinsicht auch eher "introvertiert" :]

    Meine Tochter liebt Bücher auch, sie liest sehr viel, sie nimmt auch Bücher mit zur Schule und liest dann in Pausen oder so, hat sogar welche von Lehrern geschenkt bekommen die es so toll finden das sie soviel liest.

  • Judith Visser, 41 Jahre alt, ist eine der bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der Niederlande. Und sie ist Autistin.

    Als 2018 Zondagskind erscheint, wird es ein Bestseller.

    Das Buch gibt es nun auch auf Deutsch: "Mein Leben als Sonntagskind". Hat das schon jemand gelesen?

    Surprised by the joy of life.

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